Joe Sacco, Comics Journalist

7.11.2015–24.4.2016

Der in Amerika lebende maltesische Journalist und Zeichner Joe Sacco (*1960) hat das Genre der gezeichneten Reportage wiederbelebt, weiterentwickelt und perfektioniert – er gilt als der weltweit bedeutendste Vertreter des Comics Journalism. Das Cartoonmuseum Basel ermöglicht mit rund 150 Originalen erstmals in Europa einen umfassenden Überblick über das Werk dieses prägenden Künstlers.

Die Retrospektive im Cartoonmuseum Basel zeigt die Entwicklung und den Weg des Ausnahmekünstlers Joe Sacco – von den Anfängen als Cartoonist über erste autobiografische Comics bis zu den bekannten, mehrere hundert Seiten umfassenden Comicreportagen «Palästina», «Bosnien» und «Gaza». Ebenfalls mit Originalen vertreten sind die neuesten Arbeiten: «The Great War», ein wortloses und berührendes Panorama zur Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg, und Ausschnitte aus «Bumf Vol. 1», einer Satire zum Thema Macht.

Saccos Comics aus Krisengebieten gewähren einen vertieften Einblick in Regionen der Welt, in denen Ausgrenzung, Hass, Verfolgung und Krieg an der Tagesordnung waren oder sind. Sie verleihen Menschen, die unter gewaltsamen Konflikten leiden eine Stimme und ermöglichen Verständnis und Anteilnahme. Für seine Arbeit wurde der Künstler mit dem American Book Award, dem Eisner Award und der Guggenheim Fellowship ausgezeichnet.  

Vom Cartoonist zum Comicjournalist 
Sacco hat 1981 an der University of Oregon in Portland (USA) einen Bachelor als Journalist erhalten. Bevor er mit seinen Reportagen aus Krisengebieten im Nahen Osten und im Balkan bekannt wurde, war er für den amerikanischen Verlag Fantagraphics Books tätig, arbeitete für mehrere Zeitungen als Cartoonist und veröffentlichte diverse politische, satirische und autobiografische Comicstrips. Darunter seine auf Reisen entstandene Comicheftserie «Yahoo», in der auch eine seiner frühen Reportagen «In the Company of Long Hair» erschien, die aus satirischer Distanz von der Europatour der US-amerikanischen Punkrockband The Miracle Workers erzählt, die er Ende der Achtzigerjahre begleitete. Zwischen seinen Reisen, die ihn zum Beispiel nach Berlin und an die Orte geführt haben, die er in seinen Reportagen schildert, ist Joe Sacco wiederholt in seine Heimat Malta zurückgekehrt. Momentan lebt und arbeitet er in Portland, Oregon (USA).

Joe Sacco nimmt als einer der ersten den historischen Faden der gezeichneten Reportage, die Anfang des 20. Jahrhunderts von der Fotografie verdrängt wurde, wieder auf. Mit seiner 1996 erstmals komplett erschienenen Reportage «Palästina» zeigt er, dass sich mit dem Comic eine differenzierte und glaubhafte Reportage erzählen lässt. Damit öffnet er dem Comic nicht nur eine Tür zu neuen Inhalten, sondern schenkt ihm auch ein neues Publikum. Seine Comicreportagen nähren sich vor allem aus Gesprächen vor Ort, aber auch aus intensiven Recherchen, Skizzen und Fotos. Der Künstler entwickelt aus Aussagen und Zeugnissen einen Erzählstrang und übersetzt diesen in Bilder, die er mit dem Text verwebt und in eine stimmige Balance bringt. Als Zeichner arbeitet Sacco fast immer schwarz-weiss, die in klaren Linien gehaltenen Figuren sind leicht stilisiert, seine Hintergründe gestaltet er meist realistischer.

Schweizer Nachwuchszeichnerinnen und -zeichner nehmen den Ball auf
Seit den 1990er-Jahren erlebt die Zeichnung als Mittel der Dokumentation und als frische, überraschende Alternative zur Fotografie eine Renaissance. Diesem Thema widmet sich das Cartoonmuseum Basel in Begleitveranstaltungen und in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Illustration der Hochschule Luzern – Design & Kunst entstandenen Publikation «Zeichner als Reporter». Diese versammelt zweiundzwanzig ausgewählte Visual Essays von Studierenden.

Studiengangsleiter Pierre Thomé und Dozent und Zeichner Noyau diskutieren das Potenzial des Genres, und Aussagen von Fachpersonen vertiefen das Thema weiter. Ein für diese Publikation entstandenes Interview mit Joe Sacco legt den Fokus auf die Comicreportage und baut eine Brücke zur Retrospektive «Joe Sacco. Comics Journalist» im Cartoonmuseum Basel.
© Joe Sacco «The Great War: July 1, 1916: The First Day of the Battle of the Somme», Tusche auf Papier, 2013
© NashCO Photography LLC, Portland
© Joe Sacco «Footnotes in Gaza», Tusche auf Papier, 2009
© Joe Sacco «Footnotes in Gaza»,
Tusche auf Papier, 2009
© Joe Sacco, «Spotlight on the Genius Joe, Sacco», Tusche auf Papier, 2003