Manifeste! - Eine andere Geschichte der Fotografie

13.9.-23.11.2014

Manifeste! Eine andere Geschichte der Fotografie ist die erste Ausstellung überhaupt, in der
die Beziehungen zwischen der Fotografie und dem Manifest untersucht werden. In den 56
Stellungnahmen von Fotografen aus der gesamten Geschichte der Fotografie, von 1840 bis
heute, sind alle versammelt, die Zwingendes und Dringliches über das Medium zu sagen ha-
ben. Daraus resultiert eine wilde Sammlung aus vielen programmatischen, manchmal wü-
tenden, aber stets hoffnungsfrohen Stimmen.
Das Manifest ist ein modernistisches Genre par excellence. In ihm vereinen sich die Aufbruchs-
strategien der Avantgarde mit den gestalterischen und typografischen Innovationen, die für die
Revolution der künstlerischen Produktion in der Moderne so entscheidend waren. Während der
1920er und 30er Jahre haben sich insbesondere auch Fotografen der Manifestform zugewandt,
sie verkündeten einen Bruch mit der Vergangenheit und betonten gleichzeitig die Bedeutsam-
keit des Mediums für soziale und künstlerische Veränderungen. Für die Futuristen, für Paul
Strand oder László Moholy-Nagy, bot sich die Fotografie nachgerade an, um die traditionellen
Künste umzustürzen und Sichtweisen nachhaltig zu verändern. Für Alexander Rodtschenko,
Edwin Hoernle and John Heartfield sollte die ästhetische Sprengkraft der Fotografie dabei hel-
fen, die Gesellschaft als Ganzes zu verändern. Die Manifeste der Zwischenkriegszeit haben
ihre ganz eigene Dringlichkeit, wenn die Fotografen die Bedeutung des Mediums für die grös-
seren Kämpfe ausrufen.
Die modernistischen Manifeste sind das Herz der Ausstellung, aber die fotografischen Mani-
feste haben auch eine Vorgeschichte im 19. Jahrhundert – und ein bedeutsames Nachleben
in der Nachkriegszeit. Von Anfang an haben Fotografen (W. H. F. Talbot, L. J. M. Daguerre)
polemisch und programmatisch die Wichtigkeit der Fotografie für die visuelle Kunst betont
oder trotzig denen Ratschläge erteilt, welche die Eigenarten der fotografischen Praxis (Peter
Henry Emerson, Maurice Vidal Portman, Alfred Stieglitz) bis jetzt ignoriert hatten. In der Zeit
unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, nahm das fotografische Manifest eine subjektive
Wende, als Fotografen (Otto Steinert, Minor White) die Grundlagen des von der Kriegspropa-
ganda verseuchten Mediums neu zu definieren suchten. Nach 1968 fand das Manifest aber
mit der Situationistischen Internationalen, mit Martha Rosler und Daido Moriyama seine po-
litische Stimme wieder. Vor dem Hintergrund der Revolution von 1968 wurde auch für die
Fotografie eine neue Zeit proklamiert.
Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Palette von wortstarken zeitgenössischen Mani-
festen (Ai Weiwei, Thomas Hirschhorn, Hito Steyerl, Hossam el-Hamalawy), die ein Revival
der Manifestform markieren. Diese neueren Manifeste lassen sich zum Teil als Antwort auf
die wachsende Bedeutung der Social Media lesen. Sie signalisieren einmal mehr eine Um-
bruchszeit für die Fotografie im Zeichen der gewaltigen algorithmischen Macht der digitalen
Bilder sowie der Rolle, die die Fotografie bei aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen
spielt. Zweifellos ist das Manifest immer noch ein wichtiger Katalysator für politischen und
ästhetischen Wandel.
Nicht zuletzt geht es in Manifeste! mit einer innovativen visuellen Inszenierung um die Form
des Manifests selbst. Die Perspektiven werden im Unterschied zu einer normalen Ausstellung
vertauscht: Die Fotografien sind visuelle Fussnoten zu den schriftlichen Stellungnahmen. Die
Installationen sollen uns daran erinnern, dass ein Manifest nie bloss ein Text, sondern ein
eigenständig gestaltetes Objekt ist, in dem Wort und Bild oft eine neue Einheit finden. Als
Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart schreibt Manifeste! nicht zuletzt eine neue
Geschichte der Fotografie. Sie macht sichtbar, wie sich das Medium auf vielfältige Weise neu
erfindet, indem immer wieder eine andere Zukunft ausgerufen wird.
W. H. F. Talbot
The Pencil of Nature (Der Zeichenstift der Natur), 1844-46
London: Longman, Brown, Green & Longmans,
Juni 1844 – April 1846 [Buch aus 6 Faszikeln, 22.0 x 27.8 cm]
Cover des 1846 in Buchform veröffentlichten Manifest-Textes
© National Media Museum / Science & Society Picture Library; mit freundlicher Genehmigung des Münchner Stadtmuseums, Sammlung Fotografie
Ausstellungsansicht
Manifeste! Eine andere Geschichte der Fotografie. Ausstellung im Fotomuseum Winterthur, 13.9. – 23.11. 2014
© Christian Schwager
Edwin Hoernle
Das Auge des Arbeiters, 1930
In: Der Arbeiter-Fotograf, 4. Jg., Nr. 7,
Juli 1930, S. 151 [Zeitschrift, 20.6 x 26.5 cm]
© Die Reproduktionsvorlage wurde freundlichst zur Verfügung
gestellt von der SLUB Dresden / Deutsche Fotothek
Martin Kippenberger
„6) Photographiert ruhig weiter, aber verletzt euch nicht dabei“
In: Martin Kippenberger Sand in der Vaseline, Brasilien: s. n. 1986.
© Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
Jo Spence
Cultural Sniper, 1990
C-Print, 104 x 70 cm
© Jo Spence und Terry Dennett: The Jo Spence Memorial Archive London / Gallery