Quantum of Disorder

5. Februar bis 10. Mai 2015

Die Ausstellung «Quantum of Disorder» und das begleitende Rahmenprogramm sind aus dem
gleichnamigen Kooperationsprojekt zwischen dem artists-in-labs program ICS/ZHdK und dem
Museum Haus Konstruktiv hervorgegangen.

Vor dem Hintergrund der zeitgleich im Haus Konstruktiv stattfindenden Einzelausstellung der
Computerkünstlerin Vera Molnar und der kuratorischen Tätigkeit des artists-in-labs program
in Kunst und Wissenschaft entstand die Überlegung, eine Plattform für transdisziplinäre An-
sätze in der Gegenwartskunst zu schaffen. Festgelegte Ordnungs- und Gestaltungssysteme,
das Bestimmen von Algorithmen und Parametern, die bestimmte Formen generieren oder
Funktionen in Gang setzen, mathematische Berechnungen und wissenschaftliche Ableitungen
bilden die Basis sowohl der konstruktiv-konkreten Kunst als auch der hier gezeigten Positio-
nen. Der Einbezug von Unordnung und Abweichung ist dabei ein ebenso wesentliches wie
verbindendes Moment.
Die Gruppenschau «Quantum of Disorder» stellt eine Reihe von Künstlern bzw. Künstlergrup-
pen vor, die ihre Werke mittels neuer Technologien und Programmierungen aus dem Wech-
selspiel von Ordnung und Unordnung, System und Abweichung kreieren.

Das Kooperationsprojekt stellt weder eine These auf, noch will es ein Resultat vermitteln.
Vielmehr versteht es sich als ein Experiment, in dem Fragestellungen der Kunst auf natur-
wissenschaftliche Prozesse und Errungenschaften treffen. Als gemeinsamer Nenner erwei-
sen sich Ordnungsprinzipien, die die Basis sowohl der künstlerischen als auch der wissen-
schaftlichen Praxis bilden. Die Ausstellung zeigt neun Künstlerpositionen, die einen Einblick
in verschiedene Möglichkeiten algorithmischer und systematischer Anwendungen bieten.
Das Spektrum reicht dabei von computergesteuerten Plotterbildern, die eine direkte Ver-
bindung zu Vera Molnar nahelegen, über kinetische Installationen, in denen eine geome-
trische Form in eine andere transformiert wird, bis hin zu computergenerierten All-over-
Bildern, die unsere räumliche Wahrnehmung hinterfragen, oder zu Videoaufnahmen, in
denen unsichtbare Magnetstrahlen in einem Forschungslabor sichtbar gemacht werden.

Folgende Positionen sind in der Ausstellung zu sehen:
Das künstlerische Schaffen von Thomas Baumann (*1967, lebt in Wien) ist geprägt durch
die Infragestellung von sozialen und ökonomischen Wert- und Formsystemen. Mit seinen
elektronischen Skulpturen und maschinell gefertigten Malereien sucht er nach strukturellen
Berührungspunkten zwischen materiellem und mentalem Raum. Seine speziell für die Aus-
stellung konzipierten «Plotterbilder» entspringen einer Programmierung, welche die Farb-
wahl und die Länge des Farbauftrags ebenso wie die jeweilige Bewegung der Malmaschine
definiert. Jedes der geplotteten Bilder erhält dadurch eine eigene – den jeweils eingesetz-
ten Parametern entsprechende – Gestaltung.

Unter dem Label Cod.Act arbeiten André Décosterd (*1967) und Michel Décosterd (*1969)
– beide leben in La Chaux-de-Fonds – seit 1999 zusammen. In ihren Werken verschmelzen
sie Elemente aus den Bereichen Musik, Komposition, Architektur und Bildhauerei miteinan-
der. Ton, Licht, Bild begleiten die Performances und interaktiven Installationen. In ihrer Klang-
installation «Nyloïd», die sie am 31. März und am 1. April in der EWZ-Eventhalle aufführen,
bewegen sich eine zentrale Zylinderform und ihre drei 6 m langen Beine in verschiedenen
Verzerrungen und Rotationen zu einem dafür komponierten Sound. Die Klangskulptur erin-
nert an ein lebendiges Objekt, das zu leiden scheint und grosse Anstrengungen unternimmt,
seine Situation zu verändern. «Nyloid» ist eine Koproduktion mit dem Projekt :digital brain-
storming von Migros-Kulturprozent.

In den Arbeiten von Attila Csörgő (*1965, lebt in Bialystok) werden die Schnittstellen zwi-
schen Kunst und Wissenschaft untersucht. Dazu stellt er Experimente an, die er mit selbst
erschaffenen und präzise justierten Vorrichtungen umsetzt. Mathematik und Geometrie, in
Verbindung mit gängigen Phänomenen aus der Physik, bieten Csörgő einen grossen Fundus
an Ideen und Themen. In «Platonic Constructions» gelingt es ihm, die komplexen Bezie-
hungen platonischer Kör-per zueinander wie in einem Marionettentheater in Szene zu setzen:
die Verwandlung eines Würfels, eines Tetraeders und eines Oktaeders in einen Ikosaeder –
alle zusammengesetzt aus kleinen Holzstäbchen, die von einem System aus Schnüren und
Rollen gehalten werden und von entwaff-nender mechanischer Einfachheit sind.
Alexandre Joly (*1977, lebt in Genf) interessiert sich für die Materialisierung von Klängen
und verbindet Sound, Licht und Installationen zu Gesamtkompositionen. In seinen bekann-
testen, meist ortsspezifisch konzipierten Installationen verwendet Joly winzige Piezo-Laut-
sprecher, um damit netzwerkartige Konstruktionen zu entwerfen, die gleichzeitig verschie-
dene Geräusche abspielen können. Er präsentiert Tonmaterial aus der Natur (Wetter, Land-
schaft, Insekten, Frösche etc.) und mischt dieses zuweilen mit elektronischen Klängen und
Frequenzen. Aktuell werden die Piezo-Installationen durch LEDs ergänzt, womit Joly nicht
nur die Ton-, sondern auch die Farbgebung individuell programmieren kann.

Die computergenerierten Bildwelten, die Peter Kogler (*1959, lebt in Wien) gestaltet, über-
ziehen Wände, Räume und ganze Architekturen. Oft wird im Zusammenhang mit seinen Wer-
ken von Ornament gesprochen – vom Ornament als Träger kultischer Botschaften und purem
Dekor. Wie Annelie Pohlen schreibt, sind Koglers Räume Produkte struktureller Logik. Sie
gehen von dem im Motiv gebündelten Potenzial an Deutbarem aus, um dieses unter Einsatz
abstrahieren-der, formal neutralisierender Strategien in labyrinthische Grundstrukturen, ver-
meintlich chaotisch verlaufende Bahnen oder dichte Anreihung in endlose Repetitionen zu über-
führen. Das Mass für die Ausdehnung aller Strukturen ist der je gegebene Raum, der Anfang
und Ende bestimmt, ganz so wie es im angewandten Bereich für Tapeten und Textildesign
üblich ist.
Pe Lang (*1974, lebt in Berlin) ist bekannt für seine minimalistischen und kinetischen Kunst-
werke, in denen jeder Bestandteil nach seiner Funktionalität dechiffriert werden kann. Eigens
für die Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv konzipiert der Künstler zwei neue Installatio-
nen. Die schwebende Installation zeigt weisses, auf Drähte aufgefädeltes Papier, das sich aus-
einander- und zusammenzieht. Das so in ständiger Bewegung befindliche Bild wird von einem
feinen Rauschen der sich faltenden und entfaltenden Papiere akustisch ergänzt. Eine zweite
Arbeit bringt kleine Gummiringe zum Rotieren und lässt sie entlang vorgegebener Bahnen wan-
dern.
Die Werke von Carsten Nicolai (*1965, lebt in Berlin) basieren auf komplexen und disziplin-
übergreifenden Untersuchungen, auf wissenschaftlich orientierten Beobachtungen, die gleich-
zeitig einen Zugang zu individuellen Wahrnehmungs- und Empfindungswelten erlauben. Die
Arbeit «crt mgn» geht in Anlehnung an Nam June Paik auf dessen Idee eines technisch mani-
pulierten TV-Bildes zurück. In Nicolais Arbeit werden vier Neonröhren an der Wand bzw. ihr
Licht von einer Videokamera aufgenommen und die Signale auf Röhrenbildschirme übertragen.
Zwei Pendel, die von einer Deckenvorrichtung hängen und an deren Enden Magnete angebracht
sind, schwingen über die Bildschirme und verzerren dabei das übertragene Neonlicht-Bild. Der
durch die schwingenden Magnete gestörte elektrische Kreislauf erzeugt nicht nur visuelle Modu-
lationen, sondern auch akustische Signale.

In ihrem Video «Magnetic Movie» erforscht das Künstlerduo Semiconductor (Ruth Jarman,
*1973 und Joe Gerhardt, *1972, arbeiten seit 1999 zusammen, leben in Brighton, UK) die Exis-
tenz unsichtbarer Magnetfelder. In permanent wechselnden Formationen ziehen die im Video
sichtbar gemachten Magnetfelder in geometrischen Bahnen, aus denen vereinzelte Magnetfel-
der wiederum ausbrechen, über die Ober-flächen des NASA Space Science Laboratory an der
Universität in Berkeley. Begleitet wird die Aufnahme von gesprochenen Beschreibungen der
Wissenschaftler. Es stellt sich schnell die Frage, ob es sich um eine Serie von wissenschaft-
lichen Experimenten, das Universum selbst oder um die Dokumentation einer fiktiven Welt han-
delt. Das Video lässt diese Frage offen, zeigt aber auf, dass der sichtbaren geordneten Welt
eine unsichtbare, sich im steten Wandel befindende Welt gegenübersteht.

Die Künstlergruppe Troika (Eva Rucki, *1976, Conny Freyer, *1976, und Sebastien Noel, *1977,
arbeiten seit 2003 zusammen, leben in London) ist in den letzten Jahren durch ihre multidiszipli-
näre Arbeits-weise bekannt geworden. Die Beziehung zwischen Regeln, Zufall und Chaos sind
wiederkehrende Themen in ihren Werken. «Calculating the Universe» besteht aus 36’325 Spiel-
würfeln, die systematisch entlang einer horizontalen Mittelachse angeordnet sind. Ausgehend von
der Zentralachse werden die Würfel auf- und abwärts immer nach den gleichen Regeln ausge-
richtet. Trotz der systematischen Vorgehensweise ergeben sich jeweils divergente Erscheinungs-
bilder. In den Arbeiten «Path of Most Resistance/Light Drawings» verweist Troika auf Benoît Man-
delbrot, den Chaostheoretiker und Vater der fraktalen Geometrie, der in Phänomenen, die wir als
eher chaotisch wahrnehmen (z.B. eine Wolke), immer noch einen bestimmten Grad an Ordnung
erkannte. Für Troika ist dies Ausgangspunkt für die Strom-Zeichnungen, die unter Einsatz von
20’000 Volt entstanden sind und den Anschein erwecken, Resultat eines zufälligen Vor-gangs zu
sein. Auch für «Labyrinth» war der Zufall gestaltgebend: Russpartikel werden von einer Paraffin-
lampe durch ein hölzernes Labyrinth geleitet und setzen sich – den Gesetzen des Zufalls oder
einer bestimmten Ordnung innerhalb der Unordnung folgend – an bestimmten Stellen fest.
Mit der Ausstellung «Quantum of Disorder» erfährt die transdisziplinäre Zusammenarbeit im
Spannungsfeld von naturwissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Produktion ihre erste
Manifestation. Das umfangreiche Rahmenprogramm, das in Kooperation mit der ETH Zürich und
der Universität Genf erarbeitet wurde, führt in Form von Gesprächen, Podiumsdiskussionen, Vor-
trägen und Präsentationen aus der Teilchenphysik und der jüngsten Roboterforschung verschie-
dene Disziplinen zusammen und ermöglicht einen aktiven Wissensaustausch. Die Veranstaltungs-
reihe und eine im Laufe der Ausstellung erscheinende Publikation mit Künstlergesprächen und
Texten der wissenschaftlichen Kooperationspartner verstehen sich als eine zweite Manifestation
dieser transdisziplinären Zusammenarbeit.

Das Kooperationsprojekt «Quantum of Disorder» wird von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia
im Rahmen des Schwerpunkts «Digitale Kultur» unterstützt.

kuratiert von Sabine Schaschl und Irène Hediger
Thomas Baumann
Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv
Foto: Regula Bearth
Attila Csörgő
Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv
Foto: Regula Bearth
Peter Kogler
Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv
Foto: Regula Bearth
Pe Lang
Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv
Foto: Regula Bearth
Troika
Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv
Foto: Regula Bearth