Ai Weiwei - Interlacing

Ai Weiwei - Interlacing

28.05.-21.08.2011
   
Ai Weiwei - Interlacing ist die erste grosse Ausstellung mit Fotografien und
Videos von Ai Weiwei. Sie stellt den Kommunikator Ai Weiwei in den Vorder-
grund, den dokumentierenden, analysierenden, verflechtenden und über vie-
le Kanäle kommunizierenden Künstler. Ai Weiwei hat bereits in seiner New
Yorker Zeit fotografiert, vor allem aber seit seiner Rückkehr nach Peking un-
ablässig die alltäglichen, städtebaulichen und gesellschaftlichen Realitäten
in China dokumentiert und über Blogs und Twitter diskutiert. Die Fotografien
des radikalen städtebaulichen Wandels, der Suche nach Erdbeben-Opfern,
der Zerstörung seines Shanghai-Studios werden zusammen mit den kunst-
fotografischen Projekten, dem Documenta-Projekt Fairytale, den unzähligen
Blog- und Handy-Fotografien vorgestellt. Ein umfangreiches Material- und
Archivbuch begleitet diese Ausstellung.

Ai Weiwei ist ein generalistischer, konzeptueller, gesellschaftskritischer
Künstler, verschrieben der Reibung mit und der Gestaltung von Realitäten.
Er ist als Architekt, Konzeptkünstler, Bildhauer, Fotograf, Blogger, Twitterer,
Interviewkünstler und politischer Aktivist ein Seismograph für aktuelle The-
men und gesellschaftliche Probleme: ein grosser Multiplikator und Kommu-
nikator, der das Leben zur Kunst und die Kunst zum Leben führt.

Ai Weiwei wurde 1957 als Sohn des Dichters Ai Qing geboren. Nach einem
Studium an der Beijing Film Academy gründete er 1978 mit anderen zusam-
men das Künstlerkollektiv The Stars, das sich gegen den sozialistischen Rea-
lismus auflehnte und sich für die künstlerische Individualität und das Experi-
mentelle in der Kunst einsetzte. 1981 ging Ai Weiwei in die USA, 1983 nach
New York, wo er an der Parsons School of Design beim Maler Sean Scully
studierte. In New York entdeckte er Künstler wie Allen Ginsberg, Jasper
Johns, Andy Warhol und vor allem Marcel Duchamp. Duchamp ist wichtig für
ihn, weil er Kunst als Teil des Lebens begreift. Es entstanden erste Ready-
mades und Tausende von Fotografien, die seinen Aufenthalt und den seiner
chinesischen Künstlerfreunde in New York dokumentieren. Nachdem sein Va-
ter erkrankte, kehrte Ai Weiwei 1993 nach Peking zurück. 1997 begründete
er das China Art Archives & Warehouse (CAAW) mit und begann, sich auch
mit Architektur auseinanderzusetzen. 1999 eröffnete Ai Weiwei ein eigenes
Studio in Caochangdi, 2003 gründete er das Architekturstudio FAKE Design.
Im selben Jahr war er zusammen mit den Schweizer Architekten Herzog &
de Meuron massgeblich am Bau des Olympiastadions, des sogenannten
Bird's Nest, beteiligt, das nach seiner Fertigstellung zum neuen Wahrzeichen
Pekings wurde. 2007 reisten 1001 Chinesen und Chinesinnen auf seine Ver-
anlassung hin zur Documenta 12 nach Kassel (Fairytale). 2010 verwunderte
er die Welt mit seinem grossen, aber formal minimal angelegten Teppich
aus Millionen von Sonnenblumenkernen bestehend aus handbemaltem Por-
zellan in der Tate Modern.

Ai Weiwei setzt sich bewusst mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in Chi-
na und in der Welt auseinander - mittels fotografischer Dokumentationen
des architektonischen Kahlschlags von Peking im Zeichen des Fortschritts,
mit provokativ erscheinenden Vermessungen der Welt, seinen persönlichen
Standortbestimmungen in Study of Perspective, mit radikalen Schnitten an
der Vergangenheit (Teilungen und Neuzusammenfügungen von vorgefunde-
nen Möbelstücken), um für die Gegenwart und Zukunft Möglichkeiten zu
schaffen, und mit seinen Zehntausenden von Blogtexten, Blog- und Handy-
Fotografien (nebst vielen anderen künstlerischen Stellungnahmen). Dieses
erste grosse Ausstellungs- und Buchprojekt seiner Fotografie- und Videoar-
beiten will diese Vielfältigkeit, Vielschichtigkeit, Vernetztheit von Ai Weiwei,
dieses «Interlacing» und «Networking» mit Hunderten seiner Fotografien,
mit seinen Blogs und mit erläuternden Essays ins Zentrum rücken und the-
matisieren.

Der Künstler als Netzwerk, als Firma, als Aktivist, als politische Stimme, als
soziales Gefäss, als Agent provocateur: Jede Gesellschaft auf dieser Welt
braucht zu jeder Zeit, in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft,
singuläre, herausragende Figuren wie Ai Weiwei, um wach zu bleiben, um
wach gerüttelt zu werden, um den eigenen Starrsinn zu erkennen und um
die eigene Betriebsblindheit vermeiden zu können. Wir bedauern, dass die
Fertigstellung dieses Projektes mit der Verhaftung von Ai Weiwei zusam-
menfällt, die wir aufs Äusserste missbilligen. Wir sind in grosser Sorge um
den Künstler und wünschen, dass dieser grosse Denker, Gestalter und
Kämpfer uns allen, besonders aber China, als widerständige öffentliche
Stimme erhalten bleibt.

Die Ausstellung und das Buch wurden in enger Zusammenarbeit mit Ai
Weiwei entwickelt. Bei der Fertigstellung des Buches hingegen war er aus
den genannten Gründen nicht beteiligt. Wir hoffen weiterhin, dass er bei der
Installation der Ausstellung persönlich anwesend sein kann.

Die Ausstellung wurde vom Fotomuseum Winterthur in enger Zusammenar-
beit mit Ai Weiwei (und seinem Assistenten Lucas Lai) organisiert. Kurator
der Ausstellung ist Urs Stahel. Nach dem Fotomuseum Winterthur wird die
Ausstellung im Jeu de Paume in Paris gezeigt.
 

Zur Ausstellung erscheint bei Steidl, Göttingen, ein englisch-deutscher Kata-
log: Ai Weiwei - Interlacing, Hg. Urs Stahel / Daniela Janser, 496 Seiten, ca.
600 Abbildungen, mit Beiträgen von Carol Yinghua Lu, Daniela Janser, Urs
Stahel und Philip Tinari. Preis: CHF 45.-
Ai Weiwei
© Andrew Dunkley
Ai Weiwei
Ai Weiwei. Williamsburg, Brooklyn, 1983
Aus New York Photographs (New-York-Fotografien), 1983-1993
C-Print, 29,2 x 20 cm
© Ai Weiwei
Ai Weiwei
Dropping a Han-Dynasty Urn (Eine Urne aus der Han-Dynastie fallenlassen), 1995
Triptychon, C-Prints, je 150 x 166 cm
© Ai Weiwei
Ai Weiwei
Provisional Landscapes (Provisorische Landschaften), 2002-2008
Diptychon, Inkjet-Prints, je 66 x 84 cm
© Ai Weiwei
Ai Weiwei
June 1994 (Juni 1994), 1994
C-Print, 117,5 x 152 cm
© Ai Weiwei