Amar Kanwar - Evidence

Amar Kanwar - Evidence\t\t
08.09.-18.11.2012\t\t


\t\t\t\tZwei einschneidende Ereignisse haben Amar Kanwar 1984 als jungen Studenten
entscheidend geprägt: Einerseits die organisierten Massaker, die Vergeltungsschlä-
ge an Sikhs nach der Ermordung von Indira Gandhi am 31. Oktober 1984. Und an-
dererseits die Chemiekatastrophe in Bhopal, als am 3. Dezember des gleichen Jah-
res aus einer Pestizidfabrik der amerikanischen Chemiefirma Union Carbide giftige
Dämpfe entwichen, die mehrere tausend Menschen töteten und hunderttausende
verletzten. Amar Kanwar studierte damals Geschichte, reiste dann ins Innere In-
diens, um in einer Kohlenbergbau-Region zum Thema Alkoholismus und andere
Berufsrisiken zu recherchieren, und schrieb sich dann an der Filmschule am Mass
Communications Research Center der Jamia Millia Islamia University in Delhi ein.

Der Durchbruch gelang ihm mit Earth as Witness (Erde als Zeugin), einem Film,
den er 1994 für die tibetische Exilregierung realisierte. Danach folgten diejenigen
Filme, mit denen Anwar Kanwar bekannt geworden ist: A Season Outside (Eine
Jahreszeit ausserhalb; 1997), A Night of Prophecy (Eine Nacht der Prophezeiung;
2002), To Remember (Erinnern; 2003), die zusammen die Trilogy (Trilogie) bil-
den, King of Dreams (König der Träume; 2001), Hennigsvaer (2006), die neun-
zehnteilige Videoinstallation The Torn First Pages (Die zerrissenen ersten Seiten;
2004–2008), die achtteilige Installation The Lightning Testimonies (Die Blitzzeugnis-
se; 2007), A Love Story (Eine Liebesgeschichte; 2010) und der neue Film, den
Amar Kanwar diesen Sommer auf der Documenta 13 zeigt: The Sovereign Forest
(Der fürstliche Wald; 2012).
A Season Outside thematisiert \nanhand des Grenzübergangs Wagah die spannungs-
geladene Lage an der Grenze\n zwischen Indien und Pakistan. To Remember setzt ei-
nen Besuch des Birla \nHouses – das Haus, in dem Mahatma Gandhi die letzten Tage
seines Lebens \nverbracht hatte, bevor er dort am 30. Januar 1948 ermordet wurde –
als \nstummes Mittel ein, um den Unterschied zwischen Realität und kollektivem\n Ge-
dächtnis zu erforschen. A Night of Prophecy wiederum scheint voller \nGesang und
Poesie. Der Film folgt den Bruchstellen und Narben der \nindischen Nation und ihrer
Geschichte.

Henningsvaer entstand in \nNorwegen, am Polarkreis, bei den fischreichen Gewässern
rund um die \nInsel Henningsvaer. Das ganze Video ist durch die vielen Fenster eines
\neinzigen Hauses gefilmt worden und thematisiert, wie Amar Kanwar \nschreibt, die
„dünne Linie zwischen Paradies und Gefängnis“. Die \nkomplexe raumfüllende Video-
installation mit einer dreiteiligen \nGrundstruktur The Torn First Pages ist eine Ode an
die burmesische \nWiderstandsbewegung, die sich über Jahre und Jahrzehnte für eine
\ndemokratische Gesellschaft eingesetzt hat. Gleichzeitig ist der Film dem\n burmesischen
Buchhändler Ko Than Htay gewidmet, der jeweils die erste \nSeite jedes Buchs heraus-
gerissen hat, bevor er es verkaufte. Auf diesen \nersten Seiten standen die ideologi-
schen Slogans des burmesischen \nMilitärregimes. The Lightning Testimonies beschäf-
tigt sich mit \nVergewaltigungen, mit sexueller Gewalt auf dem indischen Subkontinent, \n
eindrücklich ruhig und zurückhaltend auf acht Kanälen visualisiert, die \nsich gegen Ende
hin auf eine Einkanalprojektion konzentrieren. A Love \nStory schliesslich, eine Miniatur
von Film, lässt in wenigen Minuten den\n Schmerz individueller und gesellschaftlicher
Trennung verschmelzen. Und\n ist zugleich ein Film über das Filmen selbst.
Amar Kanwar \nbeschäftigt sich mit sozialen, politischen, gesellschaftlichen \nFragestel-
lungen, doch es sind weniger die harten Fakten, die ihn \ninteressieren, nicht die ein-
fachen, schnell benennbaren Inhalte. Kanwar \nsucht weitergehende, tiefer reichende
Zusammenhänge, den Nerv des \nLebens, der Gesellschaft, der Erfahrung treffende
Gewissheiten, \nerdauerte, erlebte, gefühlte „Beweise“. Dabei erkundet er Handlungs-,
\nVerhaltens- und Reaktionsweisen wie Musiker Halbtöne, Vierteltöne, \nSeptimen erfor-
schen, wandert in ernsthaftem, melancholischem Moll durch \ndas komplexe Dickicht
vielfältiger Ursachen und Wirkungen. Wie wird mit \neiner Situation umgegangen, wie
mit einer Erfahrung, einem tiefen \nErlebnis, einem prägenden Schmerz? Wie verhalten
sich Staatsvertreter, \nwie überleben die Menschen, wie verarbeiten sie ihr Trauma,
wie erinnern\n wir uns an sie, an ihre besondere Leistung, ihren unbändigen Willen?
Amar\n Kanwar glaubt so wenig an Lineares wie an Eindimensionales. Seine \nVorstellung
von Leben ist von der Idee der Vielschichtigkeit geprägt: \nvon vielen Ebenen, verwun-
schenen Wegen, unterschiedlichen Zeitsträngen, \ndie parallel laufen oder sich kreuzen.
Er gebraucht dafür selbst den \nBegriff der „multiplicity“, die Erfahrung von vielfacher,
multipler \nZeit, innerhalb und ausserhalb, die sich öffnet und alle Formen der \nKommuni-
kation verbindet.

Statt zu vereinfachen, will Amar Kanwar den\n Dingen Zeit geben, sich zu entwickeln,
will ihnen ihre eigene \nGeschwindigkeit lassen. So wie die Frau in The Lightning Testi-
monies \nihre Geschichte sorgfältig und gedankenvoll in den Stoff des Kleides \nhineinar-
beitet, ihre Erfahrung mit Gewalt, den schweren Verlust der \nFreundin langsam ver-
webt. Das Konzept von „Evidence“, Gewissheit und \nBeweis mag wie ein Baumstamm
aus dem Boden ragen, doch er ist umrankt \nvon Efeu, von allerlei Kraut, seine Zweige
kargen weit aus. Er dehnt \nsich, er ächzt, er streckt sich, verbindet sich mit anderen
Baumstämmen,\n anderen Gewissheiten zu einem grossen Wald.
Amar Kanwar wurde 1964 \nin Neu-Delhi geboren. In den letzten Jahren wurden seine
Arbeiten in der\n Marian Goodman Gallery, New York, im Haus der Kunst, München und
im \nStedelijk Museum, Amsterdam im Rahmen von Einzelausstellungen gezeigt. \nEr wur-
de zur Documenta 11 und zur Documenta 12 eingeladen und sein \nneustes Werk ist ak-
tuell im Rahmen der Documenta 13 in Kassel zu sehen. \nEr gewann den 1. Edvard Munch
Award for Contemporary Art und das \namerikanische Maine College of Art verlieh ihm
einen Ehrendoktortitel \nder Fine Arts. Seine Filme werden regelmässig an Filmfestivals
gezeigt \nund er hat mehrere Filmpreise gewonnen, u.a. den Golden Gate Award am \nSan
Francisco International Film Festival, den Golden Conch am Mumbai \nInternational Film
Festival, den Preis der Jury am Film South Asia in \nNepal. Im Juni 2012 wurde am 50.
International Film Festival of Kerala \neine Retrospektive seines filmischen Werks gezeigt.
Amar Kanwar lebt und\n arbeitet von Neu-Delhi aus.

Die Ausstellung im Fotomuseum \nWinterthur zeigt in sieben Räumen die folgenden zen-
tralen Videowerke von\n Amar Kanwar: Trilogy, 1997-2003 (A Season Outside, A Night of
Prophecy \nund To Remember); The Torn First Pages (Part I, II & III), \n2004-2008; Hen-
ningsvaer, 2006; The Lightning Testimonies, 2007; A Love \nStory, 2010. Kurator der Aus-
stellung ist Urs Stahel.
A Season Outside (Eine Jahreszeit ausserhalb), 1997
Aus Trilogy (Trilogie), 1997-2003
Video, analog und digital, Farbe, mit Ton, 30 Min.
© Amar Kanwar
Thet Win Aung
4 Min. 35 Sek., mit Ton
Aus The Torn First Pages (Die herausgerissenen ersten Seiten), Part I, 2004-2008
Installation mit 19 Farb- und Schwarzweiss- Videos, teilweise mit Ton, Loop
© Amar Kanwar
Henningsvaer, 2006
Video, digital, Farbe, mit Ton, 15 Min.
© Amar Kanwar
The Lightning Testimonies (Blitzzeugnisse), 2007
Digitaler Farb- und Schwarzweiss-Video auf acht Kanälen, 32 Min. 31 Sek.
© Amar Kanwar
The Lightning Testimonies (Blitzzeugnisse), 2007
Digitaler Farb- und Schwarzweiss-Video auf acht Kanälen, 32 Min. 31 Sek.
© Amar Kanwar
The Lightning Testimonies (Blitzzeugnisse), 2007
Digitaler Farb- und Schwarzweiss-Video auf acht Kanälen, 32 Min. 31 Sek.
© Amar Kanwar
A Love Story (Eine Liebesgeschichte), 2010
Auf 35mm übertragenes HD-Video, 5 Min. 37 Sek.
© Amar Kanwar
A Love Story (Eine Liebesgeschichte), 2010
Auf 35mm übertragenes HD-Video, 5 Min. 37 Sek.
© Amar Kanwar
A Night of Prophecy (Eine Nacht der Prophezeiung), 2002
Aus Trilogy (Trilogie), 1997-2003
Video, digital, Farbe, mit Ton, 77 Min.
© Amar Kanwar
Ma Win Maw Oo
4 Min. 35 Sek., ohne Ton
Aus The Torn First Pages (Die herausgerissenen ersten Seiten), Part I, 2004-2008
Installation mit 19 Farb- und Schwarzweiss-Videos, teilweise mit Ton, Loop
© Amar Kanwar
The Face (Das Gesicht)
4 Min. 35 Sek., mit Ton
Aus The Torn First Pages (Die herausgerissenen ersten Seiten), Part I, 2004-2008
Installation mit 19 Farb- und Schwarzweiss- Videos, teilweise mit Ton, Loop
© Amar Kanwar
The Lightning Testimonies (Blitzzeugnisse), 2007
Digitaler Farb- und Schwarzweiss-Video auf acht Kanälen, 32 Min. 31 Sek.
© Amar Kanwar
The Lightning Testimonies (Blitzzeugnisse), 2007
Digitaler Farb- und Schwarzweiss-Video auf acht Kanälen, 32 Min. 31 Sek.
© Amar Kanwar
A Season Outside (Eine Jahreszeit ausserhalb), 1997
Aus Trilogy (Trilogie), 1997-2003
Video, analog und digital, Farbe, mit Ton, 30 Min.
© Amar Kanwar