Nelly Rudin «Open Space»

Nelly Rudin «Open Space»
Bis 29. Januar 2012

Mit der umfangreichen Retrospektive «Open Space» der Zürcher Malerin und
Plastikerin Nelly Rudin wird im ausklingenden Jubiläumsjahr des Museums
Haus Konstruktiv eine wichtige Vertreterin der Nachfolgegeneration der Zür-
cher Konkreten gewürdigt. Die Einzelausstellung, die in enger Zusammenar-
beit mit der Künstlerin entstanden ist, dokumentiert das Schaffen Rudins ab
Mitte der 1960er Jahre bis heute. Neben den Leihgaben der Künstlerin sind
auch zentrale Werke Rudins aus privaten und öffentlichen Sammlungen zu
sehen. Die Ausstellung, die sich auf drei Stockwerken ausdehnt, präsentiert
eine Auswahl ihrer Bildobjekte sowie ihrer Aluminium- und Acrylglasobjekte –
und schlägt den Bogen zu einer erstmals realisierten begehbaren Raumin-
stallation, die die grosse Ausstellungshalle in ein offenes Bild verwandelt.
Die Retrospektive von Nelly Rudin wird von einer umfangreichen Ausstel-
lungspublikation begleitet.

Nelly Rudin, 1928 in Basel geboren, arbeitete nach ihrer Ausbildung an der
Basler Kunstgewerbeschule (1947–1950) für diverse Grafik- und Werbeate-
liers in Basel und Zürich. 1953 erfolgte ihr Umzug nach Zürich. Zu diesem
Zeitpunkt hatten sich die Zürcher Künstler Max Bill, Richard Paul Lohse, Ve-
rena Loewensberg und Camille Graeser längst als Schrittmacher einer lo-
gischrationalen Formsprache etabliert, die das Erbe der europäischen Avant-
garde aus den 1910er und 20er Jahren würdig – und mit internationalem
Renommee – weiterentwickelten.

Die Entscheidung darüber, was in der Kunst das Wesentliche sei, lässt sich
im Zürich der 1950er und 60er Jahre kaum unabhängig von den Aktivitäten
der Zürcher Konkreten denken. Dreh- und Angelpunkt ihrer Zielsetzungen
war die Autonomie der Kunst, verstanden als deren Potenzial, die Wirklich-
keit aktiv zu gestalten anstatt sie nachahmend wiederzugeben. Eine nach-
vollziehbare, teils mathematisch fundierte Herangehensweise, eine in struk-
turellen Werkordnungen zum Ausdruck gebrachte anti-hierarchische Grund-
haltung, die Einbeziehung des Betrachters in das Werkkonzept und die Wahr-
nehmung der künstlerischen Mittel als das, was sie sind – nämlich: Linie,
Fläche, Form, Farbe, Licht, Material und Raum – standen im Vordergrund.


Nelly Rudin sollte noch bis 1964 warten, bevor sie den Schritt wagte und
eigene Bilder malte. 1968 stellt sie ihre Gemälde erstmals aus, in der Ga-
lerie 58 in Rapperswil, und erntet begeisterte Reaktionen. Auch ihre druck-
grafischen Arbeiten wecken das Interesse der Kunstszene, und bald zählt
man sie – ihres systematischen Ansatzes, ihrer Variationsfreude und ihrer
luziden geometrischen Bildordnungen wegen – zur Nachfolgegeneration der
so genannten «Zürcher Konkreten» (Loewensberg, Bill, Graeser, Lohse);
Max Bill ist ihr Mentor. Dass sie sich trotz dieser gewiss schmeichelhaften
Aufnahme ihre Unabhängigkeit bewahrt hat und mit bemerkenswerter Strin-
genz ihren eigenen Ideenpfaden folgte, zeigt sich 1976 besonders deutlich:
Rudin verlegt ihre Kompositionen auf Aluminiumrahmen und tauscht damit
die Bildfläche gegen die Wandfläche hinter dem Rahmen aus. «Die Rahmen-
objekte», erklärt sie, «erlauben mir, das Bildhafte von der Fläche (Wand) in
den Raum zu transportieren (dort, wo sonst Bild ‹stattfindet›, ist Leere, und
umgekehrt ist dort, wo der Rahmen ist, Bild). Was gewöhnlich Randzone ist,
wird zum eigentlichen Bild.» Dieses Konzept setzt sich auch in der Serie der
seitlich bemalten Bildobjekte fort, an der die Künstlerin bis heute arbeitet.
Ihr gelingt damit ein intelligentes, sinnliches Spiel, in dem das Bild eine räum-
liche Dimension gewinnt und zum Bildkörper wird, die Fläche dennoch erhal-
ten bleibt.

Leerstellen, Freiräume, Durchsichten spielen auch in den freistehenden Arbei-
ten Nelly Rudins eine wichtige Rolle. Seit 1981 bildet die Werkgruppe der
Acrylglasobjekte ein variantenreiches Aktionsfeld. Auch hier richtet sich der
Fokus auf die farbig hervorgehobenen Objektränder und -kanten. Sie verlei-
hen den transparenten Konstruktionen eine intensive Strahlkraft, als seien
sie selbstleuchtend. Wie die Wandarbeiten regen sie die Betrachterinnen
und Betrachter dazu an, verschiedene Blickwinkel einzunehmen.

Bereits im Jahr 2000 würdigte Haus Konstruktiv – damals hiess es «Haus für
konstruktive und konkrete Kunst» und stand kurz vor seinem Umzug an die
neue Adresse im attraktiven ewz-Unterwerk Selnau – Nelly Rudin mit einer
Ausstellung. Heute, elf Jahre später, erscheint ihre radikale Sprache noch
aktueller und auf eine unnachahmliche Weise noch lustvoller: Rudins Arbei-
ten der letzten Jahre machen deutlich, wie zeitgemäss die Strategien der
Reduktion weiterentwickelt werden können. Die Ausstellung, die sich auf
drei Stockwerken ausdehnt, vollzieht den künstlerischen Werdegang Ru-
dins von den frühen Bildern der 1960er Jahre bis heute nach, präsentiert
eine massgebliche Auswahl ihrer Bildobjekte und Acrylglasobjekte – und
schlägt zudem den Bogen zu einer erstmals realisierten begehbaren Raum-
installation in der grossen Ausstellungshalle im Erdgeschoss.

Nelly Rudin, no. 162, 1971 (1966)
frühe Arbeit,
Öl auf Leinwand, 120 x 120 cm
© Haus Konstruktiv / Nelly Rudin
Nelly Rudin, no. 22, 1999
Acryl, Plexiglass, 3 Teile
Sammlung Haus Konstruktiv
© Haus Konstruktiv / Nelly Rudin
Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv
Begehbare Installation, 2011
Foto: Stefan Altenburger
© Haus Konstruktiv / Nelly Rudin