Jochem Hendricks - «Visionäre Sammlung Vol. 19»

«Visionäre Sammlung Vol. 19»: Jochem Hendricks
27. September bis 18. November 2012
Ausstellungseröffnung: 26. September, 18 Uhr


Die Arbeiten von Jochem Hendricks sind spektakulär, überraschend
und scharfsinnig: Der Konzeptkünstler, geb. 1959 bei Frankfurt am
Main, beschäftigt sich mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, Per-
sönlichkeitsstrukturen und gesellschaftlichen Mechanismen. Häufig
geht er von uns vertrauten Sehnsüchten und Ängsten aus, die er
dann kritisch, oft humorvoll und nicht selten ironisch kommentiert.
Bewusst setzt er mit seinen Werken auf die Fantasien, Erinnerun-
gen und Vorstellungen, kurz: auf die Projektionen der Betrachterin-
nen und Betrachter.
Die Ausstellung zeigt eine Übersicht mit Werken von 1984 bis heute
und entsteht aus einer Zusammenarbeit zwischen Museum Haus
Konstruktiv Zürich, John Hansard Gallery, Southampton (UK) und
The New Art Gallery Walsall, Walsall (UK). Es erscheint eine ge-
meinsam herausgegebene Publikation im DISTANZ Verlag.
Die Arbeiten von Jochem Hendricks sind verspielt, sensibel und zu-
gleich provokativ. Während sie auf einer ästhetischen Ebene häufig
sehr einnehmend sind, zerstören ihre in zunehmendem Masse kom-
plexen Zusammenhänge auf subtile Weise die Systeme und Bezüge,
die wir gerne als gegeben annehmen. Künstler sind traditioneller-
weise Meister des Kunstgriffs und der Illusion. Die Art und Weise
wie Hendricks mit dieser Tradition umgeht, eröffnet einen grossen
Interpretationsspielraum. Wie viele andere Konzeptkünstler auch er-
mutigt er uns, unsere Sicht der Welt zu hinterfragen und offen zu
bleiben, aber angesichts von Alltagserfahrungen einen gewissen ge-
sunden Zynismus zu entwickeln.
Für eine Serie durchlöcherter Platten mit dem Titel Concetti (2007–
2009) hat er Messing, Kupfer, Aluminium und Leinwand verwendet.
Diese Arbeiten beziehen sich eindeutig auf die bekannte Serie ge-
schlitzter und durchstochener Leinwände von Lucio Fontana, die
dieser ab 1949 produziert hatte und mit denen er die reine Abstrak-
tion der Moderne thematisierte sowie die Flachheit der Leinwand
und die Autonomie des Kunstobjekts. Hendricks hat für seine Arbei-
ten Schusswaffen verwendet und hinterfragt auf diese Weise direkt
Vorstellungen von Schönheit und Reinheit und bringt die Ebene von
Gewalt und Drama ins Spiel.
Jochem Hendricks arbeitet mit vielen unterschiedlichen Medien, ein-
schliesslich Skulptur, Film, Installation und zuletzt auch Malerei. Die
Objekte selbst sind jedoch ohne ihre durchdachten und oft komple-
xen Hintergrundgeschichten unvollständig. Linker Verteidiger, rech-
tes Bein (2002–2005) besteht aus einem künstlichen Diamant, der
auf einem schwarzen und mit Tabak ausgestopften Samtkissen an-
gebracht ist. Wir werden informiert, dass der Verlust des Beines
auf eine mit dem Rauchen in Zusammenhang stehende Krankheit
zurückzuführen ist. Wir erfahren, dass der Künstler informell und
illegal mit zwei ehemaligen sowjetischen Institutionen zusammen-
gearbeitet hat und dass vor einem Hintergrun d von Kriminalität,
List sowie sozialer, politischer und ethischer Spannungen in jedes
Projekt eine Reihe von Mittelsmännern eingebunden war.
Überdies hat Hendricks im Hinblick auf das Thema Steuern die Gren-
zen von Ethik und Legalität auf die Probe gestellt. Auf ziemlich geniale
Weise hat er einen Luxus Avatar (von 2009 an) geschaffen, eine le-
bensgrosse Kunststoffreplik des Körpers des Künstlers auf der Basis
von Daten eines 3D-Scans. Dem Avatar ist eine parallele luxuriöse
Existenz zu der des Künstlers vergönnt, er trägt Designerkleidung und
Accessoires, die vollständig durch Steuerzahlungen finanziert werden.
In einer Reihe von Fotos und Projektionen mit dem Titel Crime – Terror
– Riots (2011), hat Hendricks mit Magdalena Kopp, einer Fotografin,
zusammengearbeitet, die als Mitglied der Revolutionären Zellen zum
internationalen Terrorismus gehörte. Kopp hat Bilder abgezogen, die
offensichtlich aus Polizeiarchiven stammen. Die Arbeiten sind sehr über-
zeugend, sowohl als dokumentarischer Beleg einer kriminellen Handlung
wie auch als altmodische Fotos. Es wäre schwierig, sie als raffinierten
Schwindel zu disqualifizieren.
Luxus Avatar, 2009-2012
Mixed Media
Foto: Wolfgang Günzel
Luxus Avatar, 2009-2012
Mixed Media
Foto: Wolfgang Günzel
Concetto 18.6mm, 2010
Messing, Patronenhülsen
104.5 x 94.5 x 10cm
Foto: Wolfgang Günzel
Zimmer im Sack (Room in a Sack), 1997-1998
Mixed Media
130 x 90 x 80 cm
Foto: Peter Maller
6'128'374 Sandkörner, 2000-2003
Sand und Glas
Meute (Pack), 2003-2006
Mixed Media
Foto: Peter Mallet