Amiet

Cuno Amiet
Liegender
Frauenakt mit
Blumen, 1912
Öl auf Leinwand
100 x 161 cm
Kunstmuseum
Bern
Cuno Amiet
Bildnis Eduard
Gerber, 1943
Öl auf Leinwand
46 x 38 cm
Privatbesitz,
Schweiz
Cuno Amiet
Stillleben mit
Ringelblumen und
Äpfeln, 1923
Öl auf Leinwand
71 x 76 cm
60 x 55 cm
Privatbesitz,
Schweiz
Cuno Amiet
Bildnis Anna Amiet
in Gelb mit
blumengeschmücktem
Hut, 1906
Öl auf Leinwand
61 x 55,1 cm
Kunstmuseum
Bern
Cuno Amiet
Sonnenuntergang,
1927
Öl auf Leinwand
80 x 100 cm
Privatbesitz,
Schweiz
Cuno Amiet
Landschaft, 1920
Aquarell
24,5 x 31,5 cm
Privatbesitz,
Schweiz
Cuno Amiet
Strasse in München,
1887/88
Aquarell
11,3 x 17,7 cm
Privatbesitz,
Schweiz
Cuno Amiet
Winterlandschaft,
1928
Öl auf Leinwand
55 x 60,5 cm
Privatbesitz,
Schweiz
Cuno Amiet
Selbstbildnis, 1922
Öl auf Leinwand
60 x 55 cm
Privatbesitz,
Schweiz
Amiet
„Freude meines Lebens“

Sammlung Eduard Gerber
19. August 2011 – 11. März 2012


Zum 50. Todestag von Cuno Amiet präsentiert das Kunstmuseum Bern die
Sammlung Eduard Gerber, eine der schönsten privaten Amiet-Sammlungen.
Gezeigt werden neben dieser Liebhaberkollektion auch Werke aus der Samm-
lung des Kunstmuseums Bern, welche für das „offizielle“ OEuvre des Künst-
lers stehen. So bietet die Ausstellung einen repräsentativen Überblick über
Amiets Schaffen.

Cuno Amiet wird im März 1868 als Sohn des solothurnischen Staatsschreibers
in Solothurn geboren. Der Malerei zugetan, entschliesst er sich nach der Aus-
bildung bei seinem Lehrer Frank Buchser, seine Kenntnisse an der Akademie
in München zu vertiefen. Er trifft Giovanni Giacometti, mit welchem ihn eine
lebenslange Freundschaft verbindet. Zusammen mit seinem Freund zieht es
ihn 1888 für weitere Studien nach Paris, von wo aus Amiet 1892 nach Pont-
Aven übersiedelt und dem Künstlerkreis um Paul Gauguin beitritt. Amiet
knüpft während seinen Aufenthalten im Ausland wertvolle Kontakte, unter
anderem auch mit den „Brücke“-Malern um Ernst Ludwig Kirchner, die als
Wegbereiter des deutschen Expressionismus gelten. 1893 kehrt Amiet in die
Schweiz zurück. Die Bekanntschaft mit dem 15 Jahre älteren Ferdinand Hodler
sowie dem Biberister Papierfabrikanten und Kunsttheoretiker Oscar Miller be-
deutet einen Wendepunkt. Nach der Heirat mit der Wirtstochter Anna Luder
zieht Amiet 1898 nach seinen Wanderjahren auf die Oschwand im Kanton
Bern. Abseits der grossen Kunststätten Paris und München arbeitet Amiet an
seinem umfangreichen malerischem OEuvre.

1931 verliert er beim Brand des Münchner Glaspalastes über fünfzig seiner
Frühwerke, die im Rahmen einer Retrospektive dort ausgestellt waren. Dieses
Ereignis bewegt den jungen Eduard Gerber, den Künstler und dessen Frau
auf der Oschwand zu besuchen. Damit beginnt die Freundschaft, die die Basis
dieser einmaligen, im Laufe der Jahre von Eduard Gerber aufgebauten Samm-
lung bildet. Im Juli 1961 stirbt Cuno Amiet im Alter von 93 Jahren in seiner
Wahlheimat Oschwand nach einem ereignisreichen Leben.

Heute gilt Cuno Amiet als Wegbereiter der Moderne in der Schweizer Kunst.
Kaum ein anderer Schweizer Künstler verfügt über ein derart vielfältiges Ge-
samtwerk. Amiets Bilder sind geprägt vom Symbolismus, vom Jugendstil aber
auch vom Expressionismus. Sie zeugen von seiner Internationalität und seinen
Kontakten mit zahlreichen Künstlerfreunden wie auch von seinem späteren
Leben auf der Oschwand. Er bediente sich einer Vielfalt von Techniken. Sie
reichen von Bleistift- und Farbzeichnungen und Holzdrucken über Aquarelle
bis hin zu Ölgemälden und Plastiken.

Diese Vielfältigkeit findet sich auch in der Sammlung Eduard Gerber mit über
hundert Werken. Die Privatsammlung zeugt von grosser Nähe und Verehrung
für den Künstler und dessen Werk. Aus einer Familie ohne Sammlerhintergrund
stammend und mit einem Einkommen als Laborant hat Eduard Gerber (1917-
1995) sich seine Kollektion aufgebaut. Das Beispiel der Sammlung Eduard Ger-
ber belegt, dass es zum Aufbau einer bedeutenden Kunstsammlung nicht enor-
me Mittel braucht, sondern in erster Linie Passion und Kennerschaft.

Integriert in die Ausstellung sind Werke von Amiet aus der Sammlung des
Kunstmuseums Bern
. Während die Privatsammlung Eduard Gerber aus emo-
tionaler Nähe zum Maler entstanden ist und deshalb zum überwiegenden Teil
„intime“, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Arbeiten enthält, umfasst die
Werkgruppe im Kunstmuseum Bern vor allem repräsentative Meisterwerke,
mit denen Amiet seinen Status als der neue Schweizer Nationalkünstler nach
Ferdinand Hodlers Tod untermauerte. Damit kann den Besucherinnen und Be-
suchern ein Gesamtüberblick über das Schaffen des Künstlers geboten werden.

Festsaal

Als eine der fruchtbarsten Schaffensphasen Amiets gilt diejenige während und
nach seinem Aufenthalt in Pont-Aven. Ein wichtiges Beispiel ist das Porträt ei-
nes Künstlerfreundes von 1892 – des in Malmö geborenen Bildhauers Charles
Friberg - der als Mandolinenspieler abgebildet ist. Das Instrument selber ist
kaum erkennbar, nur der Mandolinengurt durchkreuzt die Schulterpartie des
jungen, besonnen blickenden Mannes und hebt sich ab vom monoton gehal-
tenen Hintergrund. Das im selben Jahr entstandene Gemälde Bretonische
Landschaft
zeugt von der experimentellen Kühnheit des Malers, die bereits in
das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts vorausweist.

Ein Höhepunkt in der Sammlung Eduard Gerber stellt das Bildnis Anna Amiet
in Gelb mit blumengeschmücktem Hut
von 1906 dar. Von diesem Motiv gibt
es drei Versionen. Bei allen hat Amiet die pointillistische Technik verwendet,
in einem Wechselspiel von Hintergrund und Figur und von Abbild und Abstrak-
tion. Dieser Neoimpressionismus findet sich ebenfalls im Tupfbild Blumenstil-
leben mit roter Rispe
von 1905. Dieses kleine Stillleben, genannt „ds’Zärteli",
erhielt Eduard Gerber zu Weihnachten 1942 vom Künstler und seiner Familie
geschenkt. Es zeigt einen langen zarten Zweig mit roten Rispen, die sich ele-
gant vom hellen, pastosen Hintergrund abheben.

Das Thema der Apfel- oder Obsternte beschäftigte Amiet fast ein Leben lang.
In der Sammlung Eduard Gerber finden sich dazu etliche Studien, zwei Pastelle
und die kleine rot-grüne Obsternte von 1914 (im Untergeschoss). Zwei Jahre
früher schuf Amiet die grossflächige, rottonige Obstlese (sog. Berner Fassung;
Sammlung Kunstmuseum Bern). Ein Programmbild der Geistigen Landesver-
teidigung und Rückorientierung auf die eigenen Werte mit der sich die Schweiz
in den dreissiger Jahren von ihren totalitären Nachbarn kulturell abzugrenzen
suchte, stellt die Apfelernte von 1936 an der Fassade des Kunstmuseums Bern
dar. In dieser kulturpolitisch polarisierten Zeit wurde das ideologisch verein-
nahmte Bild mit den stämmigen Berner Bäuerinnen bei der Apfellese nicht nur
positiv aufgefasst. So wurde es kurz nach Fertigstellung mit Pech beworfen und
musste restauriert werden. Seit Sommer 2011 erfolgen am Sgraffito konserva-
torische und restauratorische Massnahmen, um dieses Kulturgut zu erhalten.

Das Gemälde Toilette von 1908 zeugt von Amiet als „Brücke“-Maler. Die
mehrheitlich parallel laufenden Pinselstrichen zeigen aber auch den Einfluss
van Goghs, der als ein Vorbild der „Brücke“-Maler gilt. Mit dem Motiv dagegen
knüpft Amiet an die Szenen im Bad von Manet oder Degas an. Das nackte,
fröstelnde Kind ist Amiets Adoptivtochter Greti. Die in ein blaues Gewand ge-
hüllte Frau seine Gattin Anna. Damit konzentriert sich der Künstler auf das
Konkrete und nahegelegene Häusliche. Auch der Liegende Frauenakt von
1912 gilt als Beitrag des Künstlers zum deutschen Expressionismus. Pro-
fessor Max Huggler hatte dieses Bild – es hat einst Ferdinand Hodler gehört –
1943 dem jungen Sammler Eduard Gerber anlässlich einer Ausstellung mit
verkäuflichen Werken in der Kunsthalle Bern vermittelt. Seinen Expressionis-
mus
entwickelte Amiet in Gemälden wie Sonnenuntergang von 1927, Winter-
landschaft
von 1928 und Landschaft Oschwand von 1929 innovativ fort.

Ein weiteres Glanzlicht der Ausstellung sind zwei um 1920 entstandene Plas-
tiken
: Amiets Adoptivtochter Greti und die lachende Tilly Wassmer, eine rei-
che Kunstfreundin. Diese Arbeiten beleuchten die zu unrecht wenig beachtete
Seite des Künstlers als Plastiker.

Nach dem Brand im Münchner Glaspalast im Jahr 1931 – bei dem Amiet wich-
tige Frühwerke verloren hat – malte er für einige Zeit in der Villa des Verlegers
der Tageszeitung Der Bund, Fritz Pochon-Jent am Thunersee. Die dabei ent-
standenen Bilder zeugen von seiner inneren Ruhe. Sie wirken leicht und haben
die Transparenz von Aquarellen, so die Gemälde Thunersee mit Wolken (Leih-
gabe im Kunstmusem Bern) und Gelber Niesen von 1931 (Sammlung Kunstmu-
seum Bern). Das Kunstmuseum Bern hat letzteres unter anderen mit der Ver-
sicherungsentschädigung für fünf in München verbrannte Hauptwerke Amiets
erworben. Ein Hinweis auf die Katastrophe findet sich schliesslich aber den-
noch: seinen Initialen setzte Amiet in der Zeit nach dem Brand eine kleine
Flamme voran. 

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 hielt sich Amiet regelmässig
in Paris auf. Dabei fiel sein Blick auf grossstädtische Motive. Er malte in seinem
Pariser Atelier, was er in der Schweiz so nicht darstellte: er verzichtete auf
touristischen Wiedererkennungswert und beschränkte sich auf das alltägliche
Pariser Stadttreiben. Dafür steht das Gemälde Place de la Porte de Châtillon
von 1935. Es zeigt das industrielle, alltägliche Paris der dreissiger Jahre in sei-
ner ganzen Anonymität. Amiet vermag diese düstere Stimmung durch sein
Spiel mit Licht und Farbe aufzuhellen und eigentlich „undankbare“, banale
Alltagsmotive in spannungsgeladene Peinture zu verwandeln. Die Vielfalt der
Grossstadt ist auch Thema in seinen Figurenbildern. Amiet bildete Persönlich-
keiten des Pariser Stadtlebens wie die stolze Liette von 1932 ab und wagte
sich auch an exotischere Motive, wie sie zu einer Weltstadt wie Paris gehörten.
So entstand das Bildnis der Japanerin Kikou Yamata, die den Künstler 1933
auf der Oschwand besuchte.


Untergeschoss Vorraum

Das grossformatige, mystisch anmutende Paradies von 1958 (Leihgabe im
Kunstmuseum Bern) darf als Summa von Amiets Spätwerk gelten, worin sich
das „Farblicht“ voll entfaltet. Sein Spätwerk zeigt ansonsten kaum neue Moti-
ve. So hält er heimische Stimmungen fest, wie Tulpenstrauss vor dem Atelier-
fenster mit Blick auf Winterlandschaft
von 1955 oder Sonniger Morgen von
1960 (Kunstmuseum Bern).

Untergeschoss

In der Sammlung Eduard Gerber finden sich besonders viele schöne Aquarelle.
Das früheste Werk in der Sammlung ist das Aquarell Strasse in München von
1887/88. Die Leere der Strassenszenerie und die schemenhafte Stadtsilhouette
strahlen eine träumerische Magie aus. Dieses Bild entstand kurz nachdem Amiet
im Herbst 1886 in die bayerische Metropole gezogen war. Ebenso menschenleer
wie die Münchner Strasse ist die Bretonischen Landschaft von 1892, wo der
Maler mit dem Nebeneinandersetzen von kräftigen Farben spannungsvolle Kon-
traste erzeugt.

Nach Ferdinand Hodlers Tod wurde Amiet der führende Schweizer Künstler.
Mehr als zuvor untermauerte er danach seinen Anspruch strategisch mit einer
stilistischen Neuausrichtung. Den Einfluss von Ferdinand Hodler erkennt man
jedoch deutlich in den beiden Aquarellen Feld bei Hellsau von 1897/98 und
Bildnis Frau Anna Amiet von 1902.

Das erste Werk, das der erst sechzehnjährige Eduard Gerber erworben hat, ist
das kleine Bild Landschaft mit Bergkette (Kleine Scheidegg, Blick auf Grosse
Scheidegg)
von 1906. Das feine Aquarell hatte es dem jungen Mann bei sei-
nem ersten Besuch auf der Oschwand besonders angetan. Und obwohl sein
zusammengespartes Geld für den Kauf nicht ausreichte, durfte er es mit nach
Hause nehmen.

Das Aquarell Frau Schlangenhausen beim Malen aus dem Jahre 1909 zeugt mit
seinen dahingefetzten Pinselstrichen von der Inspiration durch die übrigen
„Brücke“-Maler. Ruhiger, aber stimmungsmässig vergleichbar in seiner Farben-
pracht ist das Aquarell Frau im Park von 1906. Zu Beginn der zwanziger Jahre
gibt Amiet dem Drang nach ungestümen Pinselstrichen abermals nach. Davon
zeugt die nahezu abstrakte Komposition Landschaft von 1920.

Nebst den Aquarellen finden sich auch etliche Zeichnungen mit Bleistift, Farb-
stift, Kohle, Kreide oder Tuschpinsel in der Sammlung Eduard Gerber. Mit ledi-
glich ein paar Strichen konnte Amiet ein ausdrucksstarkes Moment auf das Pa-
pier zaubern, wie das Eilendes Mädchen unter Bäumen von 1908 und Reiter
von 1904. Für sich selber füllte der Maler Skizzenbücher, während er spazieren
ging und Dinge zeichnete, die ihn faszinierten und die später als Motiv für ein
Bild dienten. So dürften auch das Bretonische Mädchen von 1892 und die Dü-
nenlandschaft bei Pont-Aven
von 1892/93 entstanden sein. Sein liebstes Modell,
seine Frau Anna, zeichnete er etliche Male. Besonders „intim“ ist die Tuschfe-
derzeichnung Frau Anna Amiet, frontal, die der junge Maler um 1898 angefertigt
haben muss. Die Inschrift offenbart, dass es sich dabei um eine Skizze für ein
Kleid seiner Braut Anna Luder handelt, die er 1898 heiratete. Es sind solche Ar-
beiten, die die Einzigartigkeit der Sammlung Eduard Gerber ausmachen, indem
sie eine inoffizielle, persönliche Seite des Künstlers offenbaren.

Den Abschluss der Ausstellung bilden zwei Selbstbildnisse. In der Ölmalerei
von 1950 hebt sich Amiets Gesicht nur noch unmerklich vom Hintergrund ab
und der Körper scheint im Begriff, darin aufzugehen. In einem der letzten
Selbstbildnisse überhaupt, der Ölkreide-Malerei von 1959, treibt Amiet die
Entmaterialisierung noch weiter, indem er seinen Kopf aus Schichten von Öl-
kreide herauskratzt. Die gespenstische Erscheinung des 91-jährigen Malers
scheint sich praktisch aufzulösen. Ganz anders dagegen noch das Selbstbild-
nis
von 1922, wo sich Amiet selbstsicher und festlich im weissen Smoking in-
szeniert. Der Vergleich lässt den Balanceakt zwischen offizieller Repräsenta-
tion und schutzlosem Ausgeliefertsein besonders hervortreten.