Der Maler Hermann Hesse

Der Dichter als Maler
«... die Grenzen überfliegen».
Der Maler Hermann Hesse

26.03.2012 – 12.08.2012


Zum 50. Todesjahr von Hermann Hesse präsentiert das Kunstmu-
seum Bern zusammen mit dem Museum Hermann Hesse Monta-
gnola die erste Retrospektive zu Hesses malerischem Werk.

Als Hermann Hesse 1912 mit seiner Frau und drei kleinen Kindern
nach Bern zog, führten verschiedene Faktoren dazu, dass er sich
schon bald in einer tiefen Krise wiederfand und schliesslich ab 1916
eine Therapie bei dem Psychotherapeuten Josef Bernhard Lang be-
gann:

Hesses Haltung während des 1. Weltkriegs bestand in einer katego-
rischen Ablehnung von Nationalismus, Krieg und Gewalt, und bewirk-
te, dass er in Deutschland als „Vaterlandsverräter“ nicht mehr veröf-
fentlichen durfte; sein Engagement für die Kriegsgefangenenfürsor-
ge und die Geldsorgen belasteten und erschöpften Hesse; die Ehe
kriselte und eine Trennung zeichnete sich ab; schliesslich starb 1916
der Vater. In Bern begann Hermann Hesse im Rahmen seiner Psy-
chotherapie mit den ersten Malversuchen: es entstanden Traumbil-
der, Selbstporträts, Interieurs und Landschaften. «Aus der Trübsal,
die oft unerträglich wurde, fand ich einen Ausweg für mich, indem
ich, was ich nie im Leben getrieben hatte, anfing zu zeichnen und
zu malen,» heisst es in einem seiner Briefe.

1919 zerbrach die Ehe, Hesse liess sich in Montagnola im Tessin nie-
der, wo er bis zu seinem Lebensende 1962 wohnen bleiben wird. Er
überwand Schreibkrisen, indem er Tausende von Aquarellen der
Tessiner Landschaft schuf, die von intensivem Naturerleben zeugen.
Das Malen bekam eine existenzielle Bedeutung für ihn und hatte eine
wichtige Funktion für sein literarisches Schaffen. „Als Dichter“ wäre
er „ohne das Malen nicht so weit gekommen“ berichtete Hesse 1924.

Ab Mitte der 1920er Jahre verbrachte er die Winter in Zürich, wo er
schrieb, die Nächte durchfeierte und auf Maskenbällen tanzte. Gleich-
zeitig, von Verzweiflung und Lebensmüdigkeit getrieben, zog er ernst-
haft in Erwägung, sich umzubringen. Die Sommer hielt er sich in sei-
nem geliebten Montagnola auf, wo in diesen Jahren viele seiner
schönsten und farbenfrohesten Aquarelle entstanden – Die Malerei
rettete ihn, war Gegenpol zu den schwarzen Stunden, spielte die
Hauptrolle, wie er selbst 1928 schreibt: „Oh, es gab auf der Welt
nichts Schöneres, nichts Wichtigeres, nichts Beglückenderes als Ma-
len, alles andre war dummes Zeug, war Zeitverschwendung und
Getue. Herrlich war das Malen, köstlich war das Malen!“

Mit dem Umzug in ein Haus mit grossem Garten 1931 und mit zu-
nehmendem Alter trat eine Änderung ein. Hesse malte immer noch,
jetzt aber häufiger Federzeichnungen, die er manchmal auch kolo-
rierte. Der ältere, ruhigere Hesse widmete sich nun mit Genuss ei-
ner Tätigkeit, die er von Anbeginn seiner Malertätigkeit ausübte:
er illustrierte Gedichthandschriften, verkaufte diese, und spendete
den Erlös Bedürftigen. Diesen „schönen, träumerischen, spieleri-
schen Arbeiten“ widmete er sich bis ins hohe Alter.

Nun kommt der Schweizer Nobelpreisträger für Literatur und Träger
der Ehrendoktorwürde der Universität Bern 50 Jahre nach seinem
Tod als Maler zurück in die Stadt, in der er mit dem Malen begon-
nen hatte. In dieser Ausstellung sind viele Werke zum ersten Mal
zu sehen, ausgewählt und zusammengestellt unter kunsthistori-
schen Aspekten und ergänzt mit Zitaten und Fotodokumenten,
die dem Betrachter eine Einordnung in den biografischen und
schriftstellerischen Kontext erlauben. Es erscheint ein umfangrei-
cher Katalog, der weit über diese Ausstellung hinaus die Forschung
bereichern wird.

Diese Ausstellung zeichnet sich aber vor allem dadurch aus, dass
Synergien genutzt wurden, die ein umfassendes, wegweisendes
Projekt ermöglicht haben: Die enge Zusammenarbeit des Kunst-
museums Bern mit dem Literaturmuseum in Montagnola steht da-
bei an erster Stelle; hinzu kommen ein anspruchsvoller Kongress,
veranstaltet von Prof. Dr. Henriette Herwig von der Universität Düs-
seldorf sowie ein vielfältiges, interessantes Programm aus Lesun-
gen, Inszenierungen und Konzerten, unter der Federführung von
Silver Hesse und mit Unterstützung der Hermann-Hesse-Stiftung
Bern. Schliesslich gehört die Buchpublikation Heimweh nach Frei-
heit herausgegeben von Ulrich Binggeli, dazu. Bereichert wurde
das Gesamtprojekt durch die Mitwirkung von Hessekennern und
-forschern und durch Mithilfe der Nachkommen Hermann Hesses.

Besonders erfreulich ist, dass die Ausstellung im Sommer ins Her-
mann Hesse Museum nach Montagnola und in das Museo Canto-
nale d’Arte Lugano und danach nach Würzburg in den Kulturspei-
cher wandern wird.

So ist über Fachgebiete, Kantons- und Sprachgrenzen hinweg ein
Projekt entstanden, ganz im Sinne von Hermann Hesse: „… die
Grenzen überfliegen!.“

Regina Bucher, Direktorin Museum Hermann Hesse Montagnola
Hermann Hesse, Ohne Titel,
[Traumbild], Dezember 1917
Gouache, 23,5 x 17,8 cm
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels
Fotonachweis: Deutsches
Literaturarchiv Marbach
Hermann Hesse, Terrassenhügel,
21. Sept. 1926, Aquarell, Grafit
und Kreide, 31,2 x 23,7 cm
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis:
Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, Krumme Telefonstange,
8. August 1928, Aquarell und Grafit
31 x 23,4 cm
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, "Maskenball", 1926
Aquarell und Grafit, 24,1 x 23,1 cm
Lichtmasse 31 x 24 cm
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Archiv Sonnmatt,
Luzern AG
Hermann Hesse, Blick von der Casa
Rossa auf Montagnola, 1931
Feder und Aquarell, 48 x 63,2 cm
Deutsches Literaturarchiv, Marbach
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Deutsches
Literaturarchiv Marbach
Hermann Hesse, Dorfgasse im Tessin,
27. April 1921, Aquarell, Grafit und
Kreide, 24 x 32,1 cm
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, Roter Baum, Dorf,
blauer Hügel, 1919, Aquarell und
Grafit, 15,4 x 15,7 cm,
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, Glasiger Herbst,
Herbsttag bei Caslano, 1920
Aquarell und Grafit, 22 x 18 cm
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, Bosco (Bosco Luganese),
10. August 1923, Aquarell, Grafit und
Feder, 32,4 x 24,4 cm
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, Selbstbildnis,
um 1919 (?), Aquarell und
Gouache und Grafit,
21,5 x 14,2 cm
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis:
Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, Baum, Häuser,
1922, Aquarell und Grafit
19,9 x 26 cm, (Lichtmass)
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, Weg unter Bäumen,
2. Juli 1924, Aquarell, Grafit und Kreide
32,2 x 24,3 cm
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, Schuppen im Weinberg,
1927, Aquarell und Bleistift, 23 x 24 cm
Lichtmasse, 31 x 24 cm Rahmen
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Kunstmuseum Bern
Hermann Hesse, Terrasse, Montagnola,
Juli 1921, Aquarell und Grafit,
23 x 16 cm
Privatbesitz
© Hermann Hesse-Editionsarchiv,
Volker Michels, Offenbach
Fotonachweis: Kunstmuseum Bern