13. November 2013 bis 6. April 2014
„Vintage“ ist allgegenwärtig: Bejahrtes, Gebrauchtes und Schon-einmal-da-Gewesenes
erfährt neuerdings erhöhte Wertschätzung. Das Museum für Gestaltung Zürich stellt diesen
aktuellen Trend in einer vielschichtigen Ausstellung zur Diskussion.
Immer neue Dinge müssen her! Unsere Konsumkultur lebt davon. Neuerdings darf dieses
Neue aber auch alt sein und gebraucht – oder zumindest so aussehen. „Vintage“ heisst diese
Bewegung, die sich ursprünglich als Alternative in der Konsumkultur des ausgehenden 20.
Jahrhunderts eingerichtet, mittlerweile breite Kreise und Teile der Massenproduktion erfasst
hat.
„Vintage“ steht für die Wertsteigerung, die ein Objekt durch Alterung, Selektion und Ver-
knappung erfährt – selbst wenn diese künstlich herbeigeführt sind. Der Begriff meint aber
auch den lustvollen Umgang mit Geschichte, das Mixen von Stilen. Denn nichts wirkt so
antiquiert wie ein Komplettlook aus makellos neuer Designerware. Patina hingegen zeugt
von einer bewegten Vergangenheit und stilisiert das Massenprodukt zum Unikat.
Die vielen Facetten von Vintage
In einer zunehmend globalisierten und anonymisierten Welt bedienen Vintage-Objekte,
die sich dem Anschein nach bewährt und die Zeit überdauert haben, die verbreitete Nostal-
gie. Sie garantieren Authentizität. Das Prinzip Vintage ist allerdings ein komplexes System
mit beträchtlichem kreativem und wirtschaftlichem Potenzial. Die Ausstellung beleuchtet die
unterschiedlichen und teilweise widersprüchlichen Facetten dieses Phänomens. Sie zeigt rare
Sammlerstücke, ebenso wie künstlich gealterte Objekte aus industrieller Produktion, Retro-
Modelle und brandneues Design der Luxusklasse. Dabei richtet sie den Blick auch auf die
fragwürdigen Aspekte unserer Sehnsucht nach Objekten mit Geschichte: Wie stehen wir zu
den heute üblichen sandgestrahlten Jeans? Warum kaufen sich Berühmtheiten Hosen, die so
aussehen, als hätte sie ein Farmer im Mittleren Westen getragen, oder was gefällt uns an
handwerklich aufwendig patinierten Möbeln im Shabby Chic-Stil?
Vom echten Rietveld-Stuhl bis zum „Used Look“-Teppich
Die Ausstellung präsentiert rund 100 herausragende Vintage-Stücke aus der Welt der Mode,
des Möbel- und Produktdesigns, zu denen ein in der Ausstellung aufliegendes Glossar aus-
führliche Informationen liefert. In sechs Themenkreise gegliedert, erzählt sie Geschichten
von der Faszination, die von Secondhand-Ware ausgeht (an Objekten des Sammlers Ale-
xander von Vegesack), hinterfragt was ein Original und dessen Aura ausmacht (der legen-
däre Rot-Blaue Stuhl Gerrit Rietvelds ist zu sehen) oder zeigt die Mechanismen der Retro-
Welle von Sportbekleidung der 1960er Jahre auf, wie sie sich in der Hip Hop-Community der
1980er-Jahre manifestierte. Zwei Exponate hat das Museum für Gestaltung speziell für diese
Ausstellung in Auftrag gegeben: Der Film, der das „Finishing“ eines Möbels im Shabby Chic-
Stil in Indien zeigt, greift das Thema Patina auf. Und der Teppich des Designers Jan Kath,
dessen nach traditioneller Knüpftechnik gefertigtes Design die Ästhetik des „Used Look“ in
die zeitgenössische Textilkunst übersetzt, veranschaulicht den konzeptuell weitergespinnten
Vintage-Gedanken. Beide Objekte – das günstige Produkt aus Indien wie das anspruchsvolle
aus dem Iran – sind für eine vom „Vintage“-Trend erfasste westliche Käuferschaft bestimmt.
Neu, alt, getragen, gebleicht oder mit Sandstrahlern bearbeitet: Anhand von Jeans werden
die unterschiedlichen Aspekte des Vintage in einem eigenen Themenkreis aufgezeigt.
Als wichtige Figur in dieser Thematik wirft die Ausstellung ein besonderes Augenmerk auf
den belgischen Modeentwerfer Martin Margiela. Auf die Themenbereiche verteilt, spannen
verschiedene Stücke den Bogen von Kollektionen aus uminterpretierten Secondhand-Texti-
lien der frühen 1990er-Jahre bis hin zu Entwürfen, die sich konzeptionell mit dem Verfallda-
tum von Mode beschäftigen.
Vintage-Brillen, diverse Marken und Modelle, 1980er-Jahre, Sammlung French Part of Sweden, Grégoire Vuilleumier (Greis), Foto: Betty Fleck, © ZHdK
Tejo Remy, Chest of Drawers, Droog, 1991, © Gerard van Hees
Arrangement von Vintage-Stücken, Möbel Zürich, 2012, Foto: Regula Bearth, © ZHdK
Nabholz-Trainerjacken und -anzüge, diverse Modelle der 1960er- bis 1980er-Jahre, Nabholz Sport AG, Foto: Betty Fleck, © ZHdK